Mission Impossible – der benutzerfreundliche Hund im modernen Hausstand von Birgit Hammesfahr

Mission Impossible – der benutzerfreundliche Hund im modernen Hausstand von Birgit Hammesfahr

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Mission Impossible –
der benutzerfreundliche Hund im modernen Hausstand

Nie war es für den Nutzer so wichtig einen benutzerfreundlichen Hund zu besitzen wie heute.

Der Hund hat immer zu unserem Nutzen für und mit uns gelebt und gearbeitet und dabei, meinen wir heute, auch noch unter beschwerlichen Bedingungen gelebt.
Draußen auf dem Hof, gefüttert mit Essensresten und wenig Streicheleinheiten.
Er war bei seiner Arbeit allerdings sehr benutzerorientiert (es sei denn er wurde für eigenständige Aufgaben benötigt, aber das hatte der Mensch ja dann auch so gewollt). Diese Orientierung des Hundes am User, fehlt heute vielen Menschen.
Doch warum sollte sich der Hund an seinem Benutzer orientieren, was haben wir ihm zu bieten?
Seit ein paar Jahrzehnten bieten wir unserem Hund den Luxus erwerbslos mit Garantie auf Kost und Logis bei uns einfach nur Hund sein zu dürfen.
Offensichtlich arbeitslos, ziehen wir Benutzer natürlich trotzdem unseren Nutzen aus dem Hund.
Die Arbeit, die er heute leisten soll und muss, ist nicht real – für den Hund.
Für den User (Benutzer) schon.
Denn für höchstmögliche Nutzungserlebnisse wie Streicheleinheiten, entspannte Spaziergänge und um uns zu gefallen, hat er 24/7 zur Verfügung zu stehen.
Für die Erfüllung unserer Bedürfnisse.
Ich biete also nichts (in den Augen des Hundes) und verlange dafür absolute Orientierung des Hundes an mir?
„Benutzerfreundlich“ wie unser Hund nun mal ist, trägt und erträgt er vieles, was für ihn als zielorientierten, sozial lebenden Beutegreifer nicht „greifbar“ ist.
Greifbar – mit allen Sinnen ist allerdings der Futterbeutel als Ersatzbeute für unseren, dann, „benutzerorientierten“ Hund.
Gebe ich meinem Hund die Möglichkeit sein natürliches Nahrungserwerbsverhalten mit mir gemeinsam zu meinen Regeln ausleben zu dürfen, orientiert sich der Hund automatisch an seinem Menschen, weil der Mensch ihm etwas beibringt was er unbedingt lernen will und nicht nur das: es ist das Natürlichste in der Hundewelt gemeinsam auf die Jagd zu gehen.
Das gilt dann auch für eher eigenständige Hunde.
Ebenfalls unbegreiflich, aber diesmal für mich, las ich dieser Tage erstaunt folgende Theorie, die auch besser eine Theorie bleiben sollte:
„Da es so ist, dass der Hund nicht mehr in seiner natürlichen Umwelt lebt, sollte dies schon kompensiert werden!“
Sofort fragte ich mich:
1. „Was war denn seine natürliche Umwelt und wo würde er denn, wenn nicht hier, seine natürliche Umwelt heute finden?“
Die natürliche Umwelt eines Hundes, schloss schon immer den Menschen mit ein und war und ist somit dort, wo sich auch Menschen aufhalten.
Falls der Verfasser aber damit ausdrücken wollte, dass der Hund heute nicht mehr artgerecht gehalten wird, kann ich dem nur zustimmen.
Da wir Menschen als Säugetier aber ebenfalls schon lange nicht mehr artgerecht gehalten werden, haben wir auch den Bezug zu den Bedürfnissen anderer Arten verloren. Wissen wir doch selbst oft genug gar nicht mehr was gut für uns ist.
Wie sollten wir das dann für unseren Hund wissen, entfremden wir uns doch immer mehr von der Biologie desselben?
Es ist schon so weit gekommen, dass wir nach einem Benutzerhandbuch verlangen, indem geschrieben steht, was mit dem Hund zu tun ist, was ihn glücklich macht (zum Nachdenken: auch Drogen können glücklich machen), womit wir seinen Bedürfnissen gerecht werden können.
Wie wir ihn auslasten, ihn benutzerfreundlicher machen können.
Was wir in so einem Benutzerhandbuch dann lesen können ist auch wirklich oftmals sehr benutzerfreundlich, aber nicht hundefreundlich.
In einem Benutzerhandbuch erfahre ich, wie es für den User, einfacher wird im Umgang mit dem Produkt.
Dem Produkt Hund – ein Produkt unseres unbegreiflichen Rückschritts aus der Natur.
Die Vorschläge aus den Benutzerhandbüchern orientieren sich leider nicht an bio-„logischen“ Bedürfnissen des Hundes, sondern an Angebot und Nachfrage, denn der Benutzer wird anspruchsvoller und enthundlicht dabei immer mehr.
Wer will schon Agility machen, wenn doch jetzt sogar mit dem Hund longiert werden kann???
Ups, da ist mir wohl ein Fehler unterlaufen, ich war ja nicht beim Fluchttier Pferd sondern beim sozialen Beutegreifer Hund.
Wie konnte ich das nur verwechseln?
Die zweite Frage, die ich mir zu dieser Theorie stellte:
Warum diese Kompensations „Manie“?
Kompensieren muss ich nur dort, wo ein Mangel existiert.
Dieser Ort ist oft unser „schlechtes Gewissen“.
Wenn also der Hund doch in seinem natürlichen Umfeld lebt, wie wir festgestellt haben, was meine ich kompensieren zu müssen?
Müssen wir für unseren Hund etwas kompensieren was die somit unterstellten nicht artgerechten Haltungsbedingungen, die ich gestalten könnte wie ich wollte, ihm vorenthalten?
Weil er nicht mehr „frei“ leben kann, müssen wir dreimal am Tag mit ihm spazieren gehen?
Ich gehe zu meiner nicht artgerechten Beschäftigung ins Büro, also muss der Hund, wenn ich in meinen modernen Hausstand zurück gekehrt bin, bewegt werden?
Oder muss mein Hund nur bewegt werden, weil ich mich aufgrund schlechter Haltungs- und Arbeitsbedingungen, bewegen will?
Haben wir das Gefühl etwas abgelten, aufwiegen, ausgleichen, einen Ausgleich schaffen zu müssen?
Für die Freiheit, die wir unserem Hund anscheinend gestohlen haben?
Wenn ich ein Tier für meine Bedürfnisbefriedigung halten muss, muss ich natürlich auch mein schlechtes Gewissen beruhigen. Etwas kompensieren…
Leider geschieht das dann oft über falsch verstandene, da eben nicht artgerechte sondern nur benutzerfreundliche Beschäftigungsangebote oder Spazier“zwänge“.
Lebe ich allerdings von Anfang an in dem Bewusstsein für meinen adoptierten Welpen die Elternrolle einnehmen zu wollen und die damit verbundenen Aufgaben, Pflichten und Vorteile anzunehmen und zu erfüllen, brauche ich nichts zu kompensieren.
Ich lebe mit meinem Hund und hole ihn nicht nur hervor um meine vorgeschobenen Bedürfnisse über ihn zu befriedigen.
Ein Hund geht nicht spazieren und möchte auch nicht gefüttert werden.
Er geht jagen um zu fressen.
Wenn wir wieder erkennen, was für den Hund wirklich wichtig ist, kann diese Mission gelingen
– der Hund als ernst genommenes Familienmitglied in seinem natürlichen Umfeld.

Autorin: Birgit Hammesfahr, Mantrailing & Events Richtung Hund